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Mitgliederversammlung 2020

Die Mitgliederversammlung 2020 fand im Café des Spargel- und Kürbishofes Rust in Hagenburg, Landkreis Schaumburg, statt. Die Anwesenden beschlossen, die Höhe des Mitgliedsbeitrages weiterhin auf 200 €/Jahr zu belassen sowie die Aufnahmegebühr neuer Mitglieder und die Vermarktungsumlage für ein weiteres Jahr auszusetzen. Bei den Vorstandswahlen wurde der 1. Vorsitzende Eberhard Prunzel-Ulrich, Landolfshausen, Landkreis Göttingen, für weitere 4 Jahre in seinem Amt bestätigt. Die BeisitzerInnen Christine Hahne, Wolfgang Johanning und Maik Wiedemann verzichteten auf eine erneute Kandidatur. Für sie wurden Christina Backhus, Klein Henstedt, Landkreis Oldenburg, Nicole Rollwage, Bockenem, Landkreis Hildesheim und Birgit Saudhof, Mainzholzen, Landkreis Holzminden, in den Vorstand gewählt.

 

Kernkompetenzen der VND

Um die Arbeit der Vereinigung nach außen mit kurzen und prägnanten Worten darzustellen, überlegten sich seinerzeit die Projektmitarbeiterinnen Christina Backhus, geb. Pleus, und Nicole Rollwage, Begriffe, die in den Telefonkonferenzen mit den Vorstandsmitgliedern diskutiert wurden. Diese entschlossen sich, es in die Mitgliederversammlung zu geben. Die Anwesenden entschieden mit Hilfe von je einem Klebepunkt, welche mit „V“, „N“ und „D“ beginnenden Begriffe ihnen für die Vereinigung wichtig sind bzw. sie damit in Verbindung bringen. Das Ergebnis dokumentiert nebenstehendes Bild. Am häufigsten mit Punkten versehen wurden „vernetzt“, „nützt“ und „dynamisch“.

 

Rote Liste Nahversorger

Herr Prunzel-Ulrich informierte über die „Rote Liste Nahversorger“, eine Aktion des Bundesverbandes der Regionalbewegung, die am 18.09.2019 in Berlin auf dem Pariser Platz am Brandenburger Tor stattfand. Sie wies darauf hin, dass handwerkliche Berufe im Lebensmittelbereich wie Bäcker und Schlachter, aber auch Landwirte und Gastronomen, gerade in den ländlichen Gebieten, vom Aussterben bedroht sind. Da alle vier Bereiche dieselben Schwierigkeiten haben und maßgeblich unter der Bürokratie leiden, stellt sich die Frage, ob eine Zusammenarbeit und -führung dieser Strukturen sinnvoll ist. Vorgeschlagen wurde z. B. die Verarbeitung und Vermarktung noch mehr als bisher auf die Höfe zurückzuholen. Das angestrebte Ziel ist eine bessere Anerkennung der Bevölkerung gegenüber dem Handwerk, der Landwirtschaft und der Gastronomie. Hier muss ein Bindeglied gefunden werden.

 

Podiumsdiskussion im Informationsteil

Für den Informationsteil wurde eine Podiumsdiskussion zum Thema „Regionalvermarktung zwischen der Realität in konventionellen Betrieben und den Erwartungen der Verbraucher – sind wir ab 2030 alle „bio“? organisiert. Die Teilnehmenden des Podiums stellten sich vor und hielten ein Impulsreferat. Herr Wolfgang Johanning, ehemaliges Vorstandsmitglied der VND und Milchviehhalter in Rehden, Landkreis Diepholz, skizzierte zunächst seine augenblickliche Situation: Er bewirtschafte 120 ha LF und hält 120 Kühe. Vor ca. 10 Jahren stellte er sich die Frage, wie sich sein Betrieb weiterentwickeln solle. Um einen höheren Milchpreis und damit eine bessere Wertschöpfung zu erzielen, entschied er sich, die ehemalige Dorfmolkerei zu kaufen, deren Betrieb 1980 eingestellt wurde. In diesem an einer Bundesstraße gelegenen Gebäude sollte die (hof)eigene Molkerei entstehen. Da es im Radius von 10 – 20 km mehrere Mitbewerber gibt, wurde der Entschluss gefasst, vor Ort, aber überwiegend im Lebensmitteleinzelhandel (LEH) zu vermarkten. Die „Siebenhäuser Molkerei“ wurde im Frühjahr 2016 gegründet, erhielt die EU-Zulassung, stellte einen Betriebsleiter ein und produzierte Frischmilch, Joghurt, Quark, Frisch- und Schnittkäse. Die Verarbeitungsmenge lag bei ca. 3.000 l Milch/ Tag. Im Mai 2019 wurde der Betrieb eingestellt, weil die im Businessplan formulierten Ziele nicht erreicht waren. Als einen Grund sieht Herr Johanning, dass er sich nicht auf eine biologische Wirtschaftsweise umgestellt hat, u. a., weil es keinen adäquaten Abnehmer für die überschüssige Milch in Bio-Qualität gab. Als weiteres Argument empfindet Herr Johanning das Biosortiment des LEHs als unmittelbare Konkurrenz zu seinen Produkten. Ein dritter Aspekt waren die Verpackungen aus Mikroplastik. Die Kunden forderten Glas, aber Johannings scheuten sich, gebrauchte Behältnisse in ihren Betrieb zurückzunehmen. So ist in den vergangenen Monaten die Entscheidung gefallen, den Betrieb auf „bio“ umzustellen und die Produktion in der „Siebenhäuser Molkerei“ im Frühjahr oder Sommer 2020 wieder zu starten. Da sich der Betrieb in der Umstellungsphase befindet, wird zunächst Bio-Milch zugekauft. Für die Vermarktung der Bioprodukte sieht Herr Johanning bessere Perspektiven, z. B. durch die Unterstützung des Bioverbandes, aber auch bei einer Vermarktung über die Region hinaus, wenn die Eigenschaften der Produkte überzeugen.

Herr Friedhelm Kappe hat in 2. Generation die EDEKA-Geschäfte seines Vaters übernommen, dies weiter ausgebaut, sodass er seinen Kindern inzwischen fünf Märkte mit ca. 300 Mitarbeitenden übergeben hat. In erster Linie wird das EDEKA-Gesamtsortiment präsentiert, bei deren Auswahl es nicht entscheidend ist, ob die Produkte konventionell oder nach Bio-Richtlinien erzeugt wurden. 90% der Bio-Waren bezieht der über EDEKA. Aus seiner Sicht haben regionale Produkte und deren Erzeugerbetriebe eine positive Marktbedeutung und stellen eine gute Verbindung zum näheren Umfeld dar. Herrn Kappes Meinung zu Folge haben Bio-Produkte Zukunft, weil ein großer Teil der VerbraucherInnen gesünder leben will. Zu Beginn dieses Trends betrug der Anteil der Bio-Ware in seinem Sortiment 2 – 3%, heute liegt er bei ca. 8%. Diesen Schub begründet er u. a. mit Umweltfaktoren, weiß aber, dass die Kundschaft viele Aspekte vermischt. Zu bedenken gibt er, dass „bio“ nicht herauszuschmecken ist und es schwierig sei, für die Einkaufenden eine Transparenz zu schaffen. Aber andererseits sei ein klares Wachstum zu verzeichnen. Seine Einschätzung ist, dass „Bio“ Zukunft hat, die „Kunst“ jedoch in der Vermarktung steckt: Wer sind die Abnehmenden und sind sie bereit, entsprechende Preise zu zahlen, um höhere Futterkosten bezüglich der Gentechnikfreiheit, Mindestlöhne, u. ä. zu honorieren? Herr Kappe beklagt, dass die Belieferung der Produzenten nicht immer verlässlich ist, aber die Kundschaft einkaufen will, was auf ihrer Einkaufsliste steht und nicht, was im Regal liegt. Zeitweise hatte er vier regionale Erdbeerlieferanten. Von zweien hat er sich wieder getrennt, da sie nicht die entsprechende Betriebsgröße hatten, um ihn kontinuierlich zu beliefern. Die Kunden haben keine Kenntnisse zur Saisonalität der Produkte, denn sie erwarten an 365 Tagen ein konstantes Angebot. Außerdem sei einem Großteil der Bevölkerung nicht klar, dass ein Schwein geschlachtet werden muss, um ein Schnitzel zu essen. Aber laut Herrn Kappe sind Kunden, die z. B. ganzjährig Erdbeeren und Spargel einkaufen wollen, keine echten Bio-Kunden. Seiner Meinung nach gibt es eine Klientel, die „bio“ wertschätzt, aber nicht die Bio-Ware z. B. aus Venezuela. Er vermutet, dass 5 – 6% der Kundschaft nach saisonalen Kriterien kaufen und sich für deutsche und nicht für ausländische Produkte entscheiden. In seinen Märkten stammen 20% der saisonalen Produkte aus der Region.

Frau Claudia Bullmann, Gesellschafterin des Bioland-Betriebes „Biohof Eilte GbR – Eilter Bauernkäse“ nennt die Eckdaten des Betriebes: 170 Kühe; 170 Jungtiere; seit ca. 10 Jahren 90 Wasserbüffel, von denen 25 gemolken werden; 500 ha LF; 1981 Umstellung auf „bio“; 1984 Eröffnung der Hofkäserei; Vermarktung über Hofladen, Bauern- und Wochenmärkte. Die Belieferung des LEHs wurde wegen der hohen Kosten für die Hygieneaudits eingestellt. Sie berichtet über die anfangs schwierige Vermarktung des Büffelmilchkäses, weil die Kunden/ Kundinnen es mit einem strengen, eher unangenehmen Geruch verbunden haben. Nach Fernsehsendungen über die Büffelherde und Käseherstellung wendete sich das Blatt. Nach Frau Bullmanns Einschätzung ist das Angebot auf dem Bio-Sektor für die Kundschaft unüberschaubar.

In der anschließenden Diskussion antwortete Herr Kappe auf die Frage, mit welchem Antrieb EDEKA regionale oder Bio-Produkte listet, der regionale LEH sei in einem Wettbewerbsfeld, bei dem Hofläden und Bauernmärkte nicht als Mitbewerber gesehen werden. Vielmehr besteht das vorrangige Ziel darin, sich von anderen im LEH abzuheben und abzugrenzen. Wichtig ist, dass die Kundschaft einen Bezug zu den regionalen Produkten hat, den Lieferanten oder mindestens den Ort kennt, aus dem er kommt. Neben der günstigen Ware, z. B. 0,79 €/ 500g Erdbeeren, müssen höher preisige Erdbeeren aus der Region angeboten werden. Herr Kappe sagte, er verkaufe lieber Schnitzel für 10 €/kg als entsprechende Billigprodukte, und er biete gern Vielfalt und Frische an, z. B. in Form von günstigen und teuren Produkten.

Interessant ist, in welche Kategorien entsprechend ihres Einkommens Herr Kappe die 80 Millionen Menschen in Deutschland einteilt:

¼ muss auf das Geld achten und kauft deshalb keine Bio-Produkte ein.

¼ hat gerade genügend Einkommen verfügbar und gönnt sich mal etwas, aber keine Bio-Produkte.

¼ legt auf die Gesundheit wert, kauft höher preisig ein, nimmt Preisvergleiche vor, fährt hinter Angeboten her.

¼ will das Beste und das ganzes Spektrum möglichst in einer Einkaufsstätte finden können, das hochpreisig sein kann und mit einer Beratung einhergeht.

 

Frau Bullmann sagte, der Biohof Eilte beliefere 10 Wochen- und Bauernmärkte, was eine große Herausforderung bedeute, aber bereichernd sei und Spaß mache. Dabei treffe sie auf eine verständnisvolle Kundschaft und erziele die volle Wertschöpfung für ihre Produkte. Gerade auf den Bauernmärkten sei eine hohe Authentizität durch die produzierenden Landwirte zu erreichen. Die Frische habe Priorität und der begrenzende Faktor sei die Produktion. Frau Eisenacher, Teilnehmerin der Versammlung, berichtet von einer Umfrage unter ihren Kunden, ob der Betrieb auf „bio“ umgestellt werden solle. Als Ergebnis kristallisierte sich heraus, dass den Kunden die gläserne Produktion wichtiger sei, als ein „Bio“-Siegel und Zertifizierungen. Daraus resultiert, wie wichtig eine gute Vertrauensbasis und das direkte Gespräch zwischen Erzeugenden und Kunden/ Kundinnen ist.

Herr Johanning wies darauf hin, dass die Standortfrage des Betriebes zu Großstädten nicht außer Acht gelassen werden dürfe und, ob Produkte angeboten werden, die täglich ge- bzw. verbraucht werden, wie z. B. Milch und Milchprodukte, oder z. B. Geflügel, dass nicht jeden Tag verzehrt wird.

Herr Banse sagt, es sei wichtig, sich die eigene Regionalität aufzubauen. Er muss bis zu seinen Marktstandorten knapp 100 km zurücklegen, hat sich aber in Hannover eine Stammkundschaft aufgebaut, die bei „ihrem“ Bauern einkauft. Trotz dieser Entfernung kommen Kunden zu ihm auf den Hof, die für ihn wiederum wichtige Multiplikatoren sind.

Wie elementar die gute Kundenbetreuung ist, verdeutlicht das Beispiel das Herr Meyer schildert: Eine Kundin kaufte bei ihm eine Gans, die ihr jedoch gestohlen wurde. Sie rief bei Meyers an, beklagte ihre Situation und bat um Hilfe. Herr Meyer hatte eine Gans in der „Reserve“, setzte sich ins Auto und brachte sie zu der Kundin nach Hause. Sein „Lohn“ dafür war, dass er im kommenden Jahr in der Straße, in der die Kundin wohnt, 37 Gänse verkauft hat.

Für die Preisfindung stellte sich die Frage, ob die LEH-Konzerne z. B. den Molkereien die Preise vorgeben, die akzeptiert und an die Milcherzeuger weitergegeben werden oder ob die Milch seitens der Molkerei zum „Billigpreis“ dem LEH angeboten wird. Dient die Molkerei dem LEH die Milch an oder zwingt der LEH der Molkerei den niedrigen Preis auf? Ein Teil der Kundschaft ist bereit, für Tierwohl mehr Geld auszugeben, aber dem ersten Viertel, das gezwungen ist, günstig einzukaufen, sind diese Maßnahmen egal. Durch unsere globale Struktur sind genügend Mengen vorhanden, sodass die Ware zu niedrigen Preisen angeboten werden kann. Deshalb ist zu überlegen, wie die VerbraucherInnen stärker in die Pflicht genommen werden können. Kunden/ Kundinnen favorisieren Fertiggerichte, weil sie nicht in der Lage sind, aus den Urprodukten Speisen herzustellen.

In seinen Schlussworten zur Diskussionsrunde stellte Herr Prunzel-Ulrich heraus, dass die Lebensmittelindustrie nach der Auto- und Chemieindustrie der drittstärkste Wirtschaftszweig in Deutschland ist. 72% unserer Produktion geht jedoch ins Ausland.

In den abschließenden Worten zur Versammlung betonte Herr Banse, egal, in welcher Form eine Direktvermarktung in den landwirtschaftlichen Betrieben erfolgt, werden die ErzeugerInnen in den seltensten Fällen in die Zentralläger des LEHs liefern. Wichtig ist aber ein höheres und somit angemessenes Preisniveau im Handel durchzusetzen.

14.04.2020
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Kernkompetenzen

Diskussionsrunde: Wolfgang Johanning, Claudia Bullmann, Friedrich Kappe v.l.

Renate Bergmann wird als 101. Mitglied begrüßt


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