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Verpackungsarmer Hofladen

Plastikfrei in der Direktvermarktung – geht das?

Zu einem Webseminar mit dem o. g. Titel hatte die Vereinigung Norddeutscher Direktvermarkter eingeladen. Die Referentin Sandra Raupers-Greune, Beraterin der Landwirtschaftskammer Niedersachsen mit dem Schwerpunkt Direktvermarktung, erläuterte zu Beginn die Ausgangslage: In unserer Bevölkerung gibt es eine zunehmende Wahrnehmung für ein insgesamt hohes Abfallaufkommen und insbesondere für deren wilde Entsorgung. 2019 fielen in Deutschland 18,9 Mio. t Verpackungsmüll an, wovon 47 % in den privaten Haushalten entsteht. Das entspricht 107 kg/Person/Jahr. Der Kunststoffmüll schlägt mit 76 kg/Person/Jahr zu Buche, deren Hälfte auf Abfall durch Verpackungen zurückzuführen ist. Als Beispiel für den Anstieg nannte die Referentin, dass Obst und Gemüse nur zu 4 % ohne Verpackung, zu 36 % in einer Service- bzw. zu 60 % in einer Vorverpackung angeboten werden.

Aber neben der Müllvermeidung müssen auch die verwendeten Rohstoffe und der Energieaufwand für die Herstellung und Beseitigung des Abfalls in den Fokus rücken. Ein erster Schritt ist bereits mit dem Erlass der neuen EU-Verpackungsrichtlinie (EU 2019/904) erfolgt: Ein Gesetz zur Verringerung der Auswirkungen bestimmter Kunststoffe auf die Umwelt. Danach ist in Deutschland ab dem 03.07.2021 die Verwendung von Einwegbestecken, Einweggeschirr, Trinkhalmen, Luftballonstäben, Rühr- und Wattestäbchen aus Kunststoff und Styropor verboten. Die Richtlinie EU 2015/720 regelt u. a. die Reduzierung der Plastiktüten: Bis 2019 durften es 90 Tüten/Person/Jahr sein, ab 2025 höchstens 40. Lediglich Kunststofftüten mit einer Wandstärke von bis zu 50 Mikrometer (50 µm) können weiterhin genutzt werden.

 

Aufgaben und Anforderungen an die Verpackungen

Die Einführung des Verpackungsgesetzes 2019 hat das Ziel, Verpackungsmüll zu vermeiden und verpflichtet alle, die Verpackungen in den Verkehr bringen, sich in der Datenbank LUCID registrieren zu lassen. Die Teilnehmenden bestätigten, dass dies bei ihnen zu einem Nachdenken über Verpackungsmengen und –alternativen geführt hat. In zahlreichen Betrieben zog es Umstellungen nach sich, z. B. ein vermehrter Einsatz von (Pfand)Gläsern, Tüten aus Maisstärke oder Papier, Netze oder soweit es möglich und sinnvoll ist, auf Verpackungsmaterialien zu verzichten. In der Diskussion wurde jedoch deutlich, dass Verpackungen Aufgaben wahrnehmen, auf die nicht ohne Weiteres verzichtet werden kann:

  • Sie schützen das Produkt/ den Inhalt vor Nachteilen, wie z. B. Druck, Stoß, Verderb, Geschmacksbeeinträchtigung, Schadstoffübertragung, u. ä.

  • Sie dienen als Informations- und Werbeträger.

  • Sie sind preisgünstig, denn im Verhältnis zu den Produktkosten ist ihr Kostenanteil sehr gering.

  • Ihre Handhabung ist sehr einfach.

Häufig haben die NutzerInnen der Verpackung den Wunsch, sie mehrfach zu verwenden bzw. nach einer umweltfreundlichen, ressourcenschonenden Herstellung und Entsorgung. Doch hier treten zwischen Wunsch und Wirklichkeit häufig Konflikte auf. Die Referentin stellte heraus, dass es DIE Verpackung nicht gibt und jedes Mal eine individuelle Lösung zu suchen ist. Dazu sind die Eigenschaften des zu verpackenden Lebensmittels in den Blick zu nehmen und deren Qualitätsanforderungen zu kennen: „Ist Spargel zu verpacken oder sind es die selbsthergestellten Nudeln?“

Um nachhaltige Lösungen zu finden und somit die Ökologie in den Blick zu nehmen, ist es wichtig zu wissen, welche Rohstoffe Verwendung finden und wie sie gewonnen werden. Erfolgt dazu z. B. die Abholzung des (Regen)Waldes, um Zuckerrohr und Mais für alternative Verpackungsmaterialien anzubauen, ist es bedenklich. Aber wird der Anbau der Rohstoffe zertifiziert, wie z. B. das FSC-Siegel (Abb. 1) es auslobt, ist deren Verwendung empfehlenswert.

Weitere Aspekte sind der Anbau pflanzlicher Rohstoffe in Konkurrenz zur Nahrungsmittelerzeugung oder der Anteil der biobasierten Materialien. Wie sieht deren Ökobilanz aus und lassen sie sich problemlos kompostieren bzw. recyceln? Häufig bestehen diese Alternativen aus verschiedenen Komponenten, die bei der Entsorgung voneinander getrennt werden müssen. Damit Behältnisse z. B. keine Flüssigkeiten durchlassen, sind sie mit einer Kunststofffolie ausgestattet, die nicht verrottet bzw. sich nicht zersetzt. Somit dürfen solche Verpackungen nicht auf dem Kompost geworfen werden, obwohl auf ihrer Verpackung mit „kompostierbar“ geworben wird oder der Begriff „biobasierter Kunststoff“ die Verrottung/ Zersetzung assoziiert.

Frau Raupers-Greune fragte die Teilnehmenden, welche Verpackungsanforderungen nach dem bisherigen Wissenstand für die Direktvermarktung am bedeutensten sind. Die Abstimmenden entschieden sich zu 50 % für den Produktschutz bzw. 40 % für die Entsorgung im Kreislaufsystem und 10 % für die Ökobilanz. Sie stellte heraus, dass es zwischen den Aspekten Kosten, Leistung und Umweltverträglichkeit nur eine geringe Schnittmenge gibt, um eine optimale Verpackungslösung zu finden.

 

Was ist Biokunststoff?

Er kann zum einen biologisch abbaubar sein oder zu einem Großteil aus nachwachsenden Rohstoffen bestehen. Die Definition der „European Bioplastics“ lautet: Biokunststoffe sind Kunststoffe mit variierenden Eigenschaften, die entweder biobasiert, biologisch abbaubar oder beides sind. Als Basisrohstoffe dienen Mais und Zuckerrohr, die jedoch mit Erdöl, Pflanzenschutzmittelrückständen und/ oder gentechnisch veränderten Materialien versetzt sein können. Der hierfür genutzte Mais bzw. das Zuckerrohr werden überwiegend in Brasilien auf Standorten des abgeholzten Regenwalds erzeugt. Der Anteil der nachwachsenden Rohstoffe ist nicht festgelegt. Stabilisatoren und andere Zusätze müssen Verwendung finden, damit die Verpackungen die an sie gestellten Anforderungen erfüllen.

 

Welche alternativen Verpackungsmaterialien können in der Direktvermarktung eingesetzt werden?

Empfehlenswert ist die Verwendung von Glas, essbarer Verpackung, Pappe, Papier, Biokunststoff bzw. Recyclingmaterial wie Glas, Pappe, Papier oder Kunststoff. Alternativ sind Pfandsysteme möglich für Becher, Flaschen, Gläser, Beutel oder alle anderen Materialien, die mehrfach verwendbar sind. Dies können z. B. Papiertüten aus Holz bzw. Zellulose sein, die für zahlreiche Produkte geeignet sind. Bienenwachstücher sind keimhemmend, waschbar und können zum Einschlagen von Lebensmitteln wie Käse, Aufschnitt, u. ä. Verwendung finden. Alternativ kann Duplexpapier gewählt werden, das aus Zellulosepapier und einer Folie besteht. Sie ist punktuell an das Papier geheftet, damit eine Trennung dieser beiden Materialien problemlos möglich ist. Bei der Auswahl des Rohstoffes sollte die mehrfache Nutzung der Verpackung/ des Verpackungsmaterials bzw. ihre Recyclingoptionen im Mittelpunkt stehen. Dafür ist eine sortenreine Trennung im Müll eine Grundvoraussetzung.

 

Ergänzend stellte Frau Raupers-Greune Verpackungsinnovationen vor, z. B. Netze aus Zellulose für Obst und Gemüse oder Vollpapiertüten für Nudeln. Eine weitere Variante sind Kreide PET-Beutel bzw. Becher. Sie bestehen zu 40 % aus Calciumcarbonat (Kreide) und werden mit erdölbasierenden Komponenten für die Folienherstellung gemischt. Durch die Steife des Materials stehen die Beutel und Becher relativ fest. Leider ist dieses Kreide-Kunststoff-Produkt nicht kompostierbar, kann jedoch über den Gelben Sack dem Kunststoff-Recycling-System zugeführt werden. Aber das deutsche Wiederverwertungssystem ist noch nicht für diese Verpackungsart ausgelegt, sodass die Beutel und Becher derzeit in der Müllverbrennung landen. Weitere Alternativen sind Algen, Pilze, Gras oder Stroh als Isolierung.

Es gibt derzeit kein Material, das allen Anforderungen gerecht wird. Frau Raupers-Greune gab den Teilnehmenden eine Checkliste an die Hand, mit deren Hilfe die Auswahlkriterien für die Rohstoffwahl evtl. leichter fällt. Jede/r muss entsprechend der Kunststoffvermeidung, Ökobilanzierung, Verwendung nachwachsender Rohstoffe oder der Kreislaufwirtschaft entscheiden, welche Verpackungsmaterialien für den eigenen Betrieb und deren Produkte sinnvoll und geeignet sind.

 

Die Referentin fragte die Teilnehmenden, welche Herausforderungen sie bei der Reduktion der Verpackungen sehen. Bei dieser Umfrage waren Mehrfachnennungen zugelassen (Abb. 2).

Sind Unverpackt-Läden eine Alternative?

Die Einrichtung so genannter Unverpackt-Läden nimmt ständig zu, insbesondere in den deutschen Städten. Aber zahlreiche direktvermarktende Betriebe orientieren sich ebenfalls in diese Richtung. Etliche Produkte werden lose oder in großen Behältnissen angeboten, aus denen sich die Kundschaft die erforderliche Menge abfüllen kann. Dies erfordert einiges an Informationen und Erklärungen den Kunden und Kundinnen gegenüber:

  • Dürfen Behältnisse mitgebracht werden oder müssen sie (im Pfandsystem) gekauft werden?

  • Umgang mit der Waage und Erläuterungen zum Wiegevorgang, um die Gewichte der leeren und gefüllten Gefäße zu ermitteln

  • Abfüllsystem für die Produkte in die jeweiligen Behältnisse

  • Bezahlung an der Kasse

  • Rücklauf der mehrfach zu verwendenden Behältnisse, die im Unverpackt-Laden gekauft werden mussten

 

Unverpackt-Läden fordern ein Überdenken des Ladenmanagements

Ein Unverpackt-Laden stellt andere Herausforderungen an den Betreiber/ die Betreiberin, aber auch an die Kundschaft. Das Ladenmanagement muss zusätzliche Dinge in den Blick nehmen:

  • Welche Produkte können lose oder zum Selbstabfüllen angeboten werden (Sortiment)?

  • Welche Verpackungsmöglichkeiten passen zu dem Sortiment?

  • Sind diese Verpackungen mehrfach verwendbar?

  • Erfüllen diese Verpackungen die Anforderungen wie Produkt-, Lager-, Transportschutz, u. ä.?

  • Wo werden Informationen platziert, die die Kundschaft zu den Produkten wissen muss, z. B. Kennzeichnung der Allergene?

  • Sollen die Mehrwegverpackungen mit betriebseigenen Informationen, dem Logo u. a. Elementen versehen werden?

  • Wird ein Pfandsystem eingeführt?

  • Ist im Laden genügend Platz für die zurückgegebenen Verpackungen, den Standort für die Waage zum Wiegen der leeren bzw. gefüllten Gefäße, Informationstafeln, u. ä.?

  • Wie sehen die technischen und arbeitswirtschaftlichen Kapazitäten für diesen Vermarktungsweg mit seinen vor- und nachgelagerten Tätigkeiten aus?

 

Mit welchen Strategien kann die Nachhaltigkeit in der Direktvermarktung erreicht werden?

Zunächst sind die Anforderungen des Verpackungsmaterials zu analysieren: Welches passt zu den jeweiligen Produkten und bietet den notwendigen Produktschutz. Gehört diese Auswahl in das Mehrwegsystem und stammt es aus nachwachsenden Rohstoffen oder Recyclingmaterial, sind weitere Überlegungen. Zu berücksichtigen sind ebenfalls die Aspekte und Gedanken der Kunden und Kundinnen: Welche Erwartungen haben sie an die Verpackungsmaterialien und finden sie sich in den „Neuerungen“ wieder. Bei einer Umstellung oder Anpassung können nachstehende Punkte erste Schritte zu mehr Nachhaltigkeit sein:

  • Papiertüten statt Hemdchenbeutel aus Kunststoff

  • wiederverwendbare Netze, Stoff- und Kunststofftaschen zum Verkauf oder im Pfandsystem anbieten, die zusätzlich als Werbeträger dienen können

  • mitbringen kundeneigener Verpackungen erlauben

  • Kunden/ Kundinnen „belohnen“, wenn sie auf Verpackungen verzichten

  • Pappen statt Plastikschalen, z. B. bei Beerenobst

  • Gläser als Verpackungsmaterial verwenden, wo immer es möglich und sinnvoll ist

  • Glas kann vielfach wiederverwendet werden und büßt dabei seine Qualität nicht ein

  • die Wiederverwendung ist jedoch arbeitsaufwendig und verursacht Kosten (Reinigung, neue Deckel, u. ä.)

  • Glas kann jederzeit recycelt werden

02.03.2021
Kategorie: Allgemeine News, Anzeige auf Startseite, Berichte, Veranstaltungen

Quelle: KiWiMedia, Sandra Raupers-Greune

Abb.1 FSC® steht für „Forest Stewardship Council®“. Es ist ein internationales Zertifizierungssystem für nachhaltigere Waldwirtschaft. Das Holz stammt aus Wäldern, die verantwortungsvoller bewirtschaftet werden.

Abb. 2 Teilnehmerumfrage: Welcher Herausforderungen bei der Verpackungsreduktion sehen Sie für Ihren Betrieb?


Kontakt

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Am Flugplatz 4
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Tel.: 05121/7489-15
Fax: 05121/7489-30
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Förderer

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