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Regionale Fleischvermarktung

– aber wie?

Für unseren 2. Online-Stammtisch wählten wir das Thema „Regionale Fleischvermarktung – aber wie?“ Da die Coronaviren vor Norddeutschlands großen Schlachthöfen nicht haltmachten, wurde deutlich, dass die jahrzehntelang durchgeführte Zentralisierung solcher Einrichtungen problematisch ist, wenn plötzlich der Schlachthof schließen muss und andere die riesigen Tierzahlen nicht aufnehmen können. Zahlreiche Mäster waren in Not, da ihre Tiere weiter zunahmen, der Platz in den Ställen zu eng wurde und sie die Schweine nicht zu den üblichen Qualitätsstandards und Preisen verkaufen konnten. Kann die regionale Fleischvermarktung ein Ausweg aus diesem Dilemma sein? Die SPD- und CDU-Fraktionen des niedersächsischen Landtages brachten einen entsprechenden Antrag auf den Weg und die agrarpolitische Sprecherin Karin Logemann nahm an unserer Diskussionsrunde teil.

 

Betriebseigene Schlachtstätte

Einige landwirtschaftliche Betriebe, die Schweine oder andere Tiere mästen, haben eine eigene Schlachtstätte eingerichtet, um unabhängig vom Markt zu sein. Dies ist mit hohen lebensmittel- und hygienerechtlichen Auflagen verbunden, setzt eine enge Abstimmung und Zusammenarbeit mit den kontrollierenden Stellen (LAVES – Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit sowie den Veterinärämtern des Landkreises) voraus. Diesen Weg ging u. a. unser Vorstandsmitglied Birgit Saudhof, die als Betreiberin ihres direktvermarktenden Betriebes „Birgits Bauernladen“ die Schweine aus dem landwirtschaftlichen Unternehmen ihres Mannes kauft und diese auf dem Schlachthof in Holzminden schlachten und in Hälften zerlegen lässt. Mit ihrer Familie entschloss sie sich 2019 einen Neubau zu errichten, der gegenüber ihres Hofes in einen Hang gebaut wurde. Ausschlaggebend waren steigende Umsätze sowie die Ausbildung des Hofnachfolgers zum landwirtschaftlichen Betriebswirt und Fleischermeister. Pro Woche werden ca. 10 Schweine mit einem Gewicht von 150 – 200 kg verarbeitet, von November bis Weihnachten auch mehr.

 

Langfristige Planung

Über drei Jahre sammelten Saudhofs Informationen von ähnlichen Baumaßnahmen und besuchten die IFFA (Internationale Fleischermesse in Frankfurt/ Main – www.iffa.messefrankfurt.com). Hier stellten sie u. a. den Kontakt zu dem Architekten her, der die Planungen begleitete.

Die Bauleitung übernahm Frau Saudhof selbst, und bei der Umsetzung der Maßnahme waren ihr nachstehende Dinge besonders wichtig:

  • Alle Wände bestehen aus glasfaserverstärktem Kunststoff (GFK), ein sehr stabiles und robustes Material, das auf die Außenwände aus Betonplatten geklebt wurde. Alle Innenwände bestehen aus Sandwichwänden mit GFK-Platten. Diese lassen sich erheblich leichter reinigen als Fliesen mit Fugen.

  • Der Fußboden ist aus einem Guss, um Fugen zu vermeiden.

  • Die Steckdosen hängen frei von der Decke herunter. So kann kein Wasser eindringen und die Wände können „in eins“ gereinigt werden.

  • Die Lichtschalter sind ebenfalls nicht an den Wänden installiert. Die Beleuchtung wird ausschließlich über Bewegungsmelder geschaltet.

  • Sämtliche elektrischen Leitungen liegen auf Putz, damit immer ein direkter Zugang möglich ist.

  • Am unteren Teil der Wände befinden sich Stoßkanten, die schützen, wenn die fahrbaren Maschinen und Geräte zur Verarbeitung dagegen stoßen.

  • Der Weg der Ware von der Schweinehälfte bis zum Endprodukt läuft ausschließlich in eine Richtung, d. h. es kreuzen sich keine Arbeitswege, sodass Kontaminationen vermieden werden.

  • Die Produktionsstätte ist so gebaut, dass jederzeit in den dafür vorgesehenen Räumen das Schlachten der Tiere durchgeführt werden könnte. Solange für Saudhofs aber die Option in dem Schlachthof Holzminden besteht, werden sie ihre Schweine dort schlachten lassen.

 

Finanzielle Förderung

Frau Saudhof hat finanzielle Mittel über das „Amt für regionale Landesentwicklung Leine-Weser“ mit Sitz in Hildesheim in Anspruch genommen. Das Programm „Integrierte ländliche Entwicklungskonzepte“ (ILE) fördert Kleinstunternehmen der Grundversorgung, ein Förderangebot, das über das niedersächsische Wirtschaftsministerium angeboten wird. Hierfür ist eine rechtzeitige Planung wichtig, denn die Antragstellung ist nur zum 01.09. eines Jahres möglich. Außerdem sind für alle Gewerke drei Kostenvoranschläge einzureichen. Bei einer Investition von ca. 600.000 € belief sich der Zuschuss auf 250.000 €. Die Schlachtstätte ist zweigeschossig (Bau in einen Hang). Das untere Geschoss umfasst ca. 80 m², das Obere ca. 145 m². Beide verfügen über einen separaten ebenerdigen Zugang. Im Gebäude ist ein Fahrstuhl installiert.

 

 

Regionaler Schlachthof Holzminden (www.fleisch-fuer-hier.de)

Der ursprünglich städtische Schlachthof wurde 1896 gebaut und begeht in diesem Jahr sein 125-jähriges Jubiläum. Er wird von einer Gesellschaft geführt, an deren Spitze der Eigentümer und Geschäftsführer Oliver Loges steht. Viele Fleischereien und die landwirtschaftlichen, direktvermarktenden Betriebe aus einem Umkreis von ca. 70 km bringen ihre Tiere zum Schlachten hierher. Die Arbeit erledigen ausschließlich Facharbeiter, die entsprechend bezahlt werden und voll hinter dem Schlachthof stehen. Ihre Tätigkeit erledigen sie in der Regel freitags und sonnabends, da sie an den anderen Wochentagen bei ihren „Hauptarbeitgebern“ ihren Job erledigen.

Die Schlachthofgesellschaft nutzt nur einen kleinen Teil des großen Gebäudekomplexes des Schlachthofes. Zum 01.01.2021 hat Herr Loges den gesamten Gebäudekomplex gekauft und wird ihn nach und nach modernisieren, um ihn den heutigen Standards anzupassen. So gibt es für die ca. 150 Tiere, die pro Woche zur Schlachtung kommen, ausreichend Ställe, in denen sie sich ausruhen und von dem Transport erholen können.

 

 

Neubau eines Schlachthofes im Raum Verden

Um eine Dezentralisierung der Schlachthöfe zu erreichen, gibt es im Landkreis Verden Überlegungen, einen für Rinder und Schafe zu bauen. Darüber informierte uns unser Mitglied Johanna Böse-Hartje, Bäuerin mit Milchvieh- und Rinderhaltung in der Nähe von Thedinghausen. Fünf landwirtschaftliche BetriebsleiterInnen mit Rindvieh- und Schafhaltung haben sich im losen Verbund zusammengeschlossen und kümmern sich um die Planung, Baugenehmigung und Beantragung der finanziellen Mittel. Für die Bewilligung der Fördermaßnahme muss jedoch ein Bauantrag vorliegen. Unklar ist derzeit, wer diesen bezahlt, denn es ist nicht gesetzt, dass der Förderantrag genehmigt wird. Diese Anforderung in die Richtlinien ist neu aufgenommen, weil zahlreiche frühere AntragstellerInnen Gelder durch eine geplante, aber nicht ausgeführte, Maßnahme blockierten.

Die fünf interessierten Bäuerinnen und Bauern arbeiten eng mit dem Kompetenzzentrum Ökolandbau Niedersachsen GmbH (KÖN) zusammen und sind bereit, in finanzielle Vorleistung zu gehen, tragen aber das Risiko, wenn die Baugenehmigung nicht erteilt wird. Ggf. wollen sie sich als Genossenschaft zusammenschließen und ihr Projekt in der Gemeinde Bruchhausen-Vilsen umsetzen. Geplant ist ein Hallenbau auf „der grünen Wiese“, in dessen zweitem Bauabschnitt die Schlachtung von Schweinen vorgesehen ist, wenn sich genügend Interessenten finden. Überlegt wird, den Schlachthof nur Biobetrieben zur Verfügung zu stellen, da die finanzielle Förderung attraktiver ist. Die Planungen sehen vor, ca. 50 Tiere/ Woche zu schlachten. Um die VerbraucherInnen mit einzubinden, sollen evtl. Genussaktien angeboten werden. So können sie in das Projekt einbezogen werden, sich beteiligen und später das Fleisch der Tiere aus „ihrem“ Schlachthof verzehren.

 

 

Grundsätze zur Weideschlachtung

Frau Saudhof informierte über die Voraussetzungen der Weideschlachtung und zeigte an Hand von Bildern, wie die Zerlegung und Verarbeitung in mobilen oder teilmobilen Schlachttrailern möglich ist.

 

 

Antrag zur regionalen Schlachtung im niedersächsischen Landtag

Die agrarpolitische Sprecherin der SPD, Karin Logemann, konnten wir für die Teilnahme an dieser Veranstaltung gewinnen. Sie ist Abgeordnete aus dem Wahlkreis Wesermarsch und Mitglied im Landtagsausschuss für Ernährung, Landwirtschaft, Verbraucherschutz und Landesentwicklung sowie im Unterausschuss Häfen und Schifffahrt.

Frau Logemann berichtete über den von den SPD- und CDU-Fraktionen im niedersächsischen Landtag eingereichten Antrag zur „Stärkung der regionalen Fleischvermarktung und stressfreien Schlachtung – dezentrale und mobile Schlachtung ermöglichen“. Aus den Medien und den Berichten ihres Mannes als Viehhändler kennt sie die Belange bzw. Probleme, die Schlachthöfe haben: Verladung der Tiere, (lange) Transporte und Wartezeiten, Tötung der Tiere, usw. So hat sie eine steigende Anfrage nach dezentralen Schlachtstätten wahrgenommen, die sich aber nicht so einfach und schnell umsetzen lässt. Der Antrag (siehe hier als pdf-Dokument) hat in der ersten Debatte im Landtag die Zustimmung der Opposition gefunden. Ziel ist es, kleine Schlachtstätten mit EU-Zulassung einzurichten und eine stationäre, mobile oder teilmobile Zerlegung und Verarbeitung zu schaffen. Dafür sollen die Rahmenbedingungen abgesteckt und insbesondere die Wettbewerbsbedingungen für diese kleinen Einheiten im Vergleich zu den konkurrierenden Großbetrieben neu formuliert werden. Am 14.04.2021 kommt es im Landtag zu einer Anhörung. Nach Frau Logemanns Aussage ist die Umsetzung zu höheren Schlachtzahlen in den Regionen realistisch, denn TierhalterInnen, VerbraucherInnen und PolitikerInnen sind sich einig: Mit der Dezentralisierung werden Beiträge zum Tierwohl, Tierschutz, zur Ressourcenschonung, Nachhaltigkeit und zum Klimaschutz erreicht. Sie wies auf die Fördermöglichkeiten des niedersächsischen Wirtschaftsministeriums hin: Förderung von Verarbeitung und Vermarktung landwirtschaftlicher Erzeugnisse. Dazu finden Sie auf der Homepage der Landwirtschaftskammer Niedersachsen unter www.lwk-niedersachsen.de Webcode 01032677 nähere Informationen.

 

 

Diskussion und Ausblick

In der abschließenden Diskussion standen zahlreiche Fragen der Teilnehmenden im Fokus. Sie reichten von den Erfahrungen und Vorgaben der kontrollierenden Behörden bis hin zur Vorgehensweise für die Planung und Umsetzung dezentraler Schlachtstätten, wie z. B. Marktanalyse, Beratung, Kooperationen, Finanzierung, Genehmigungen, Qualifikation der Mitarbeitenden, usw.

Nach der Anhörung Mitte April im niedersächsischen Landtag nehmen wir Kontakt zu den politischen Vertretungen auf, um ggf. eine gemeinsame Vorgehensweise zu erörtern.

12.03.2021
Kategorie: Allgemeine News, Anzeige auf Startseite, Berichte, Veranstaltungen

Schlachtstätte Saudhof Bild:Birgit Saudhof

Verarbeitungsraum Saudhof Bild:Birgit Saudhof

Verarbeitungsraum Saudhof Bild:Birgit Saudhof

Schlachthof Holzminden Bild:Birgit Saudhof


Kontakt

Geschäftsstelle

Vereinigung der Norddeutschen Direktvermarkter e.V.
Elke Sandvoß
Am Flugplatz 4
31137 Hildesheim
Tel.: 05121/7489-15
Fax: 05121/7489-30
Mail: elke.sandvoss[at]lwk-niedersachsen.de 

Förderer

Niedersächsisches Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz